September 28, 2007
Eine der spannendsten Ecken Aserbaidschans habe ich Ihnen und mir bis heute vorenthalten: Das rätselhafte Naxcivan. Der isolierte Landzipfel versteckt sich zwischen armenischen und iranischen Bergen und ist von Aserbaidschan nur per Flugzeug oder Transit durch Iran zu erreichen.
Blau: Baku, gelb: Naxcivan. Darüber Armenien, unten Iran.
Doch der weite Weg lohnt: Naxcivan entpuppt sich schnell als eines der Highlights von Aserbaidschan und bietet eine faszinierende und fast menschenleere Landschaft zwischen Berg Ararat und dem historischen Städtchen Ordubad - und dabei eine auffällig gute Infrastruktur: Großzügige Investitionen in Form von Museen, Kinopalästen und imposanten Schulgebäuden lassen daran erinnern, dass hier die Wurzeln des großen Präsidenten Heydar Aliyev liegen und versüßen den wenigen Bewohnern des ansonsten kargen Landstrichs das Leben. Vergebene Liebesmüh? Ein Großteil ist bereits nach Baku, in die Türkei oder nach Russland entschwunden. Und die Gebliebenen? Verwalten die Verwaltung, sind beim Militär oder spielen Domino. Während Naxcivan City die wohl ruhigste Stadt Aserbaidschans ist, sind die Dörfer erfüllt vom Klappern der Spielsteine.
Junge Kadetten in Naxcivan City.

Dominospieler im Dorf Qarabaglar.
Hier einige Impressionen von dem Stück verwaltete Wüste, in dem schon Noah seinerzeit fast mit seiner Arche strandete: Bevor er den benachbarten Berg Ararat erreichte, streifte er Naxcivans Ilan Dag (Schlangenberg):
Diese Furche im Ilan Dag, vor der die Männer ihren abendlichen Plausch halten, wurde angeblich von Noahs Arche verursacht.
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September 16, 2007
Wer das legendäre Xinaliq sehen will, muss hart im Nehmen sein. Der letzte Besuch hatte uns zwei Autopannen beschert, diesmal sind wir lieber geritten. Zu viert auf zwei Pferden haben wir die Waden angezogen, um uns vor bissigen Hunden zu retten. Und das ist noch nicht alles: Einmal in Xinaliq angekommen, kommt man nicht mehr zurück! Obwohl die Straße dorthin inzwischen geteert wurde, gibt es keinen Busverkehr. Aber das ahnten wir auf dem Hinweg zum Glück noch nicht. Hier ein paar Gründe, warum sich die mühsame Reise dennoch lohnt.
Morgens lag Laza noch im Nebel, als Rashid mit den Pferden ankam. Die Pferde, das hatten wir am Abend erfahren, braucht man vor allem “für die Kommunikation”. Was das bedeutete, wurde nun klar: Rashid raunzte die beiden Tiere in fremdartigen Lauten an, während er sie mit seinem langen Stock malträtierte. Besonders zimperlich ist man hierzulande offenbar nicht, was die “Kommunikation” betrifft. Etwas beklommen drückten wir uns auf die Pferderücken, während Rashids Knüppel den Nebel zerzeilte - bis er sich schließlich auflöste und wir erkannten, wo wir waren: Unter uns rauschte der Qusar-Fluss, über uns thronten die Gipfel des Shahdag. Zwischendurch ein Hirte, ein paar Pferde oder Schafe, bisweilen ein kläffender Hund, ansonsten hatten wir den Kaukasus für uns allein. Sehen Sie selbst:
Wir lassen den Nebel hinter uns…
…und haben endlich freie Sicht.
Der “Pferdeflüsterer” und ich.
Nach einem Tag, viel Pferdeschweiß und o-beinig erreichten wir Xinaliq. Während wir unterwegs noch darüber nachgedacht hatten, ob wir am nächsten Morgen den Bus um sechs oder doch lieber erst den um elf Uhr nehmen sollten, stellte sich schnell heraus, dass derlei Gedanken unnütz waren. Von wegen Bus! So einfach ist das mystische Xinaliq nicht zu bezwingen. Also blieben wir erstmal dort - nun gut, es gibt schlimmere Orte…
Wie wir von hier jemals wieder weg gekommen sind? Das ist eine andere Geschichte, die ich bei Gelegenheit erzählen werde. Christian und Richard fuhren jedenfalls nach Tbilisi und ich habe mich auf den Weg Richtung Dagestan gemacht. Am nächsten Wochenende habe ich wieder eine Einladung nach Xinaliq, diesmal mit dem Mountainbike. Was dann wohl passieren wird? Sie werden von mir hören!
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September 16, 2007

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September 16, 2007
Nizami Ganjavi war einer der wichtigsten Dichterfürsten Aserbaidschans. Im 12. Jahrhundert schrieb er eine Sammlung von Lobgesängen (Xamsa), die noch heute zur Pflichtlektüre in aserbaidschanischen Schulen zählt. Zudem gibt es in jeder Stadt - neben dem obligatorischen Heydar-Aliyev-Park, dem Heydar-Aliyev-Prospekt und dem Heydar-Aliyev-Museum - eine Nizamistraße und ein (inzwischen meist geschlossenes) Nizami-Kino. Mein persönlicher Held ist jedoch ein anderer: Nizami, der Busfahrer. Ich hatte das Glück, mit ihm zwei Tage lang unterwegs sein zu dürfen, im Gebirge, unweit der dagestanischen Grenze.
Nizami, der Busfahrer (abends im Wohnzimmer).
In Qusar, einer Kleinstadt im nordöstlichen Aserbaidschan, geht die Reise los. Um den kleinen Minibus drängeln sich stämmige Frauen mit Kopftuch und Männer mit viel Gold im Mund. “Jurnalista, jurnalista“, raunen sie einander zu und blicken verstohlen in meine Richtung. Als jurnalista bekomme ich den Ehrenplatz neben dem Fahrer zugewiesen (den sich normalerweise drei Leute teilen) und dann geht es los ins Unbekannte, zumindest für mich: Man hatte mir erzählt von einem Ort namens Sudur, hoch in den Bergen, und dass es dort schön sei. Einen Bus zurück gebe es erst am nächsten Tag, ein Tourist sei dort wohl noch nie gewesen. Grund genug sich auf den Weg zu machen, fand ich.
Wir durchqueren einen Fluss, danach wird die Straße immer löchriger und steiler, schließlich endet der Asphalt. Ab und zu halten wir an, weil Nizami ein paar Schrauben nachziehen muss. In seinem Sonntagsanzug liegt er dann unterm Auto und jeder Handgriff sitzt perfekt: Seit 24 Jahren fährt er hier mit seinem Bus, meistert die mörderische Strecke sicher und souverän. Jeden Morgen um neun geht es los, am nächsten Tag um sechs zurück, Sommers wie Winters, bei Matsch und Glatteis. Auf waghalsig Serpentinen und durch atemberaubende Schlaglöcher. Vier Stunden dauert die Fahrt, wenn alles gut geht, vier Stunden lang schmiegen sich Bauern, Kinder und Kartoffelsäcke aneinander. Es riecht nach Fett, Ruß und Schaf. Wir durchqueren Dörfer, in denen Frauen in ihren hohen Krügen Wasser nach Hause tragen und Männer im Anzug am Straßenrand hocken. Endstation ist Sudur, die Felsen dahinter gehören bereits zu Russland.
Nizami nimmt mich mit zu seiner Mutter. Zwischen ihr und dem kleinen Neffen liegend werde ich die nächste Nacht verbringen. Nach dem Abendessen (Suppe mit Schafsknochen zum Abnagen) zeigt mir Nizami das Video von der Hochzeit seines Sohnes. Der etwa zweistündige Film gehört zum allabendlichen Programm, ein Ritual, nach dem man beruhigt einschlafen kann.
Es ist noch stockdunkel, als am nächsten Morgen der Bus wieder voll wird. Jemand legt mir eine Felljacke über die Schultern, ich verziehe mich in die hinterste Ecke und rieche nach Schaf, während sich vor mir der Bus langsam mit Kisten und Säcken füllt: Kartoffeln, die in der nächsten Stadt verkauft werden sollen. Kein Zentimeter darf dabei verschenkt werden.
Was wird sein, wenn Nizami einmal krank ist? Wenn seine Mutter stirbt, bei der er die Nächte in Sudur verbringt? Wenn sein kleiner Bus endgültig zusammenbricht? Werden dann die Leute den langen Weg zur Stadt zu Fuß zurücklegen müssen? Wie werden sie ihre Kartoffeln verkaufen können? Mit seinem Bus sichert Nizami nicht nur sich selbst, sondern einem ganzen Dorf das Überleben.
Kurz nach Sonnenaufgang bleibt unser Bus liegen. Ist es nun so weit?

Zum Glück kommt alsbald ein Kohltransporter vorbei, verhungern müssen wir hier also nicht.
Nizami streicht sich den Anzug glatt, raucht eine Zigarette und rollt sich unter den Bus. Ab und zu reicht er ein paar Teile hinauf, schraubt hier was ab und dort was dran, ein Rohr kommt zum Vorschein, ein Draht verschwindet, und dann geht es weiter, als wäre nichts geschehen.
In Qusar trennen sich unsere Wege. Endlich in der Stadt, eilen die Dörfler zum Markt, während ich mich in die nächste Cayxana (Teestube) setze. Von dort aus sehe ich noch, wie Nizami sich die Schuhe abstaubt, die Haare glatt kämmt und seinen Kragen zurecht zupft. Elegant und würdevoll macht er sich auf den Weg in die Stadt, nach Hause, zu seiner Frau.
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September 9, 2007
Heute Morgen war ich in der Kirche, denn es gab einen freudigen Anlass: Der neue Pfarrer ist da! Vier Wochen lang war Matthias mit seinem Motorrad unterwegs - von Thüringen bis nach Baku. Offenbar hat ihm der Heilige Geist beigestanden, denn er ist trotz der miserablen Straßen heil angekommen und schwärmt seitdem vom Kaukasus, speziell von Georgien. Für die nächsten zehn Monate ist es seine Aufgabe, die kleine lutherische Gemeinde von Baku zu versorgen, seelisch und finanziell. Die Umstellung fällt dem ehemaligen Biker-Pfarrer nicht leicht, denn hier verlangt man eine strenge Lithurgie und reglementierte Abläufe. Dennoch stand er heute im Polohemd, statt im Talar vor uns: Sein Gepäck ist noch unterwegs gen Aserbaidschan.

Pfarrer Matthias erster Gottesdienst in Aserbaidschan.
Ich sitze auf einer harten Kirchenbank, um mich herum etwa dreißig Gemeindemitglieder. Trotz der Klimaanlage sind wir in Schweiß gebadet, fächeln uns mit dem “Gesangbuch”, einer Sammlung loser Kopien, frische Luft zu. Wer sind diese Leute, die es hier allsonntäglich in die deutsche Kirche zieht?
Der Gottesdienst beginnt mit einem Lied: Drei Strophen deutsch, dann das Ganze noch einmal auf Russisch. Eine herrliche Sprachübung. Und die Predigt erst! Pfarrer Matthias steht eine junge Übersetzerin zur Seite, den Rest erledigt die Gemeinde - denn die ist wirklich in Form: Selbst zu meiner Konfirmandenzeit war ich nicht so routiniert in lithurgischen Abläufen und Texten. Das Groz der Besucher beherrscht das gesamte Programm fließend in beiden Sprachen. Nur die Gottesdienstordnung ist zusätzlich auf Aserbaidschanisch erhältlich. Aber die braucht hier sowieso niemand. Höchstend vielleicht der eine Konfirmand, den Matthias ab demnächst unterrichten wird.

Abendmahl.
Beim anschließenden Teeplausch im Gemeindezentrum erfahre ich, dass die meisten der Gläubigen deutsche Vorfahren hatten. Im Angedenken an ihre verstorbenen Mütter und Väter, die einst (wie die Familien von Viktor Klein) aus Schwaben eingewandert sind, pflegen sie den Kontakt zur deutschen Kirche und freuen sich über den neuen Pastor.
Und der freut sich darauf, mit seinem Motorrad das Land zu erkunden. Am Nachmittag habe ich ihn zufällig beim Joggen in der Wüste Gobustan wiedergetroffen und wir haben gurgelnde Schlammvulkane bestaunt. Aber das ist eine andere Geschichte….
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September 6, 2007
Im Frühjahr starb Viktor Klein, der letzte Deutsche in der ehemals schwäbischen Kolonie Helenendorf. Ich habe mich gefragt, wie sein Leben wohl ausgesehen hat und bin hingefahren: Eine langer Weg durch öde Steppe und gesichtslose Siedlungen - und plötzlich ist alles nett und sauber, die Strassen gerade und ordentlich. Deutschland mitten im Kaukasus!
Es war im frühen 19. Jahrhundert, als sich mehrere hundert Familien aus dem Schwabenland auf den Weg gen Osten machten. In der Heimat fürchteten sie politische Willkür, waren gebeutelt von Hunger und den Napoleonischen Kriegen. Im Kaukasus bot ihnen Zar Alexander I. Land und Vieh. Nur ein Teil der Auswanderer überlebte die mühsame Reise und gründete 1819 in Aserbaidschan eine erste deutsche Kolonie namens Helenendorf.
Die Schwaben widmeten sich vor allem dem Weinanbau und brachten es damit zu einem gewissen Wohlstand. Noch heute findet man unter jedem der sorgfältig angelegten Wohnhäuser große Weinkeller.
Das schwäbischen Dorfleben fand ein Ende mit der Sowjetisierung. Die Kommunisten lösten die Selbstverwaltung auf und verstaatlichten die Unternehmen. Auf Befehl Stalins wurden die rund 20.000 in Aserbaidschan lebenden Deutschen 1941 nach Sibirien und Kasachstan deportiert und Helenendorf zu Ehren eines sowjetischen Funktionärs in Xanlar umbenannt. Seit 2008 heißt der Ort Göygöl, gleich dem nahe gelegenen See.
Dieses Haus gehörte einst der Familie Vohrer. Heute ziert die Fassade das Bildnis des aserbaidschanischen Präsidenten.
Die Schwaben waren ordentlich: Jedes Haus trug über den Eingang den Namen seines Erbauers. Besonders beeindruckend ist allerdings die Tatsache, dass es hier schon im frühen 19. Jahrhundert einen sorgfältig angelegten und sehr detaillierten Stadtplan gab, als Anlage dazu eine Liste aller Bewohner nach Hausnummern sortiert. Für die wenigsten aserbaidschanischen Städte gibt es bis heute auch nur annähernd so brauchbare Karten! Oft laufe ich mir die Füße wund, um meine eigenen Pläne zu zeichnen - weil es schlichtweg nichts anderes gibt.
Nicht weit von der alten Kirche steht das Haus von Viktor Klein. Viktor liebte den Wein und das Klavierspiel, am liebsten Bach. Halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme, steht an einer Wand: Viktors Lebensmotto? Ein verstaubter Plastikweihnachtsbaum, eine Karte von Schloss Schwanstein, Brehms Tierleben auf dem Nachtisch. Viktor, scheint es, ist Deutschland immer treu geblieben.
Weihnachtsbaum, Klavier, Viktor.
Viktor war gelernter Radiotechniker.
Ikonen deutscher Kultur: Schiller, Beethoven und Co. an der Wand.
Lektüre eines einsamen Deutschen? Der letzte Mohikaner und zwei Mal Robinson Crusoe!
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